Box I.: Bildung – Kompetenz?

Box I.: Bildung – Kompetenzen des Gesetzgebers

Mehrgliedriges System

Die Hauptschule wurde abgeschafft. Die zehnjährige Schule gilt als Mindestqualifikation. Realschulen werden zunehmend zu Ganztagsschulen transformiert. Der Erwerb der Hochschulreife steht auf mehreren Säulen: Klassische Gymnasien, Gesamtschulen, Fachgymnasien und Angebote für Berufstätige (z.B. Abendkollegs). Wenn zugesagt wird, Gesamtschulen und Gymnasien gleichwertig zu entwickeln, zeigen später die veröffentlichen Finanzzahlen, dass diese Zusage nichts – aber auch gar nichts – Wert war.

==> Die Prioritäten bei der Finanzierung des Schulsystems sind oft „politisch“ motiviert.

G8/G9 und zurück

Jeder Wechsel bindet auf Jahre erhebliche Ressourcen und hat massive Folgeeffekte auf das „Soziale Jahr“, Berufs- und die „akademische“ Bildung. G8 war gerade im „eingeschwungenen Zustand“. Da beschlossen die Weisen aus SPD, CDU/CSU und Die Grünen, das stabile System wieder abzuschaffen. Da die Ressourcen knapp sind, wird wieder die Qualität leiden. „Rein-in-die-Kartoffeln, raus-aus-den-Kartoffeln, bis alles im Eimer ist“. Der Druck zur Rückkehr zum G9 ist in manchen Bundesländern sehr hoch. In Schleswig-Holstein ist für den Verbleib im G8 eine 75%-Mehrheit der schulischen „Anteilseigner“ – Lehrer, Schüler, Eltern – erforderlich. Die Gesamtschulen und Fachgymnasien hatten teilweise G9 beibehalten. Es ist zu erwarten, dass zwar der Trend zu G9 geht, aber Mischformen und Inkompatibilitäten bleiben.

Die Idee – Stoiber (CSU), Schawan (CDU) – war, dass ein früherer Eintritt ins Berufsleben stattfindet, mit dem Nebeneffekt längerer Einzahlungszeiten in die Renten- und Sozialsysteme.

Die Umstellungen kosten erhebliche Ressourcen in schulischen und nachgelagerten Bereichen.

==> Finanzmittel werden im Kardinalbereich Bildung auf Jahre verknappt. Die Bildungspolitik ist nicht mehr planbar bzw. zurechnungsfähig!

Inklusion / Integration / Gender

Seit etwa zehn (10) Jahren laufen die Themen Inklusion, Integration und Gendervielfalt mit hoher Priorität. Inklusion ist anspruchsvoll, erfordert Fachwissen und unterstützende Netzwerke. Diese gibt es nicht in ausreichender Tragfähigkeit. Selbst motivierte Lehrer finden für ihr Praktizieren oft keine angemessene Unterstützung.

Regierung Albig (SPD) in Schleswig-Holstein: Erst als Frau Wende (parteilos) von der „Staatsanwaltschaft“ quasi aus dem Ministeramt „geführt“ wurde, ließ die Anspannung und Verunsicherung u.a. zum Thema Inklusion etwas nach. Ihre Nachfolgerin, Frau Ernst (SPD), brachte eine große Versammlung fast zum „kochen“, weil sie auf gezielte Fragen nur ausweichend antwortete und konkrete Unterstützung ablehnte. Pädagogische Unterstützung vom Land?

„Bei Inklusionsfragen ist die Schulleitung der Ansprechpartner“. Basta.

„Sachsen-Anhalts Kultusminister hält den Weg der Inklusion für gescheitert – Überforderte Lehrer und Schüler“.
Quelle: Zeit, 22.12.2017 

Es gibt keine politische Kompetenz, so ein komplexes Thema wie Inklusion „gut“ zu gestalten. Ideologie, Dogmen, fehlende Kompetenzen, Ressourcen und Netzwerke stehen einer tragfähigen, organischen Entwicklung im Weg. Viele Eltern werden alleine gelassen, Kinder und Jugendlicher werden nicht optimal gefördert.

Aber dramatisch: die Gesetzgeber vernetzen sich nicht mit den erfahrenen Praktikern, sondern geben ideologie-getrieben top-down vor, was zu leisten ist.

Die zunehmende Zahl von Flüchtlingskindern verstärk die Spaltung in den Klassen noch einmal: es greift der „Mathäus-Effekt“, die die haben, denen wird gegeben werden. Lehrer könne die „Schwächeren“ nicht angemessen individuell betreuen und dem Gros kann nicht einmal der Mindeststoff vermittelt werden. Die Begabten erleben ihre Förderung i.d.R. ausserhalb des Systems.
Schlechte Ergebnisse bei Vergleichsstudien werden u.a. mit den Herausforderungen der Integration begründet.

Die Intensivierung der Gender-Thematik emotionalisiert und wirft Fragen nach den Prioritäten auf.

==> Es fehlt an allem!

Schulen in „sozialen Brennpunkten“

Respekt für die Lehrerinnen und Lehrer! 

Curricula / Didaktik und Methoden

Es herrschen extreme Partikular-Interessen, die zu immer spezifischeren Ausprägungen und zu einer fortschreitenden Zergliederung führen. Methodiken ändern sich ständig. Beispiel: Kompetenzerwerb „Schreiben“ oder „Lesen und Verstehen“ in den Grundschulen. Der Schulwechsel, insbesondere über die Grenzen eines Bundeslandes hinaus, gelten als hoch-riskant, ja: als „nicht empfehlenswert“ bis hin zu: „in jedem Fall nachteilig“. Schulabschlüsse sind nicht mehr vergleichbar.

Das Urteil des BVerfG zum Mediziner NC ist eine schallende Ohrfeige für die Bildungspolitik in den Ländern. Die Lehr- und Bildungspläne driften immer weiter auseinander, reissen Lücken, sind hochgradig „inkompatibel“. Das Schulsystem hat sich – getrieben durch Partikularinteressen innerhalb der sechzehn (16) Bundesländer – atomisiert.

==> Einheitliche Richt- und Leitlinien sowie Empfehlungen können für höhere Homogenität sorgen. Eine Reduktion der Bundesländer auf fünf (5), maximal sieben (7), ist überfällig. Bildung muss weg von Politik, hin zu erfahrenen Fachleuten, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Kernkompetenzen und Outsourcing / Private

Eine Anfrage der Piraten hatte für die Landesregierungen – Kraft (SPD), Löhrmann (Die Grünen) – in NRW, dass der fachliche Input – die KOMPETENZ – in vielen Funktionsbereichen, u.a. der Bildung, in zentralen Aspekten von Bertelsmann erbracht wurde. Es gibt bereits viele Bildungs- und Schulaktivitäten in privater Hand. Die Trends zum „Outsourcing“ halten an und reicht von

– dem Betrieb der Kantine,
– der Konzeption und Bereitstellung von Schulbüchern,
– Aufbau und Betrieb digitaler Plattformen,
– über Arbeits- und Klausurmaterialien,
– der sozialen Betreuung, Schularbeitenaufsicht und Nachhilfe,
– bis hin zu Bau- , der Instandhaltung und Instandsetzung von Gebäuden.

Politik, die Vertreter der Gesetzgebung, haben keine langfristigen Vorstellung  und Strategien zu „Make vs. Buy“, kurz: was sind Kernkompetenzen, wo müssen eigene Kompetenzen – ggf. in neuen Organisationsformen – entwickelt werden, um Dinge selber machen zu können vs. welche Aktivitäten können – gut gemanagt – an externe Dienstleister ausgelagert – outgesourct – werden? Im Wesentlichen gibt es zu den Fragen keine Kompetenz (siehe die Ansätze weiterer Public Private Partnerschaften (PPP) aktuell in Berlin). Mögliche Synergien werden nicht genutzt.

Schulische Bildung findet nicht strategisch geplant „pro-aktiv“ statt, die Aktiven laufen dem Mangel hinterher und versuchen, ereignisbezogen das Schlimmste zu verhindern.

==> Es gibt kaum Kompetenzen. Es gibt erfolgreiche PPP`s. In den meisten Fällen sind die Kostenentwicklungen am „langen Ende“ jedoch ein Desaster.